Warum gehört die Mehrheit deiner Firma Investoren?

2017-06-07 Gruppe 150+12 Aufsatz Essay 6 / Aufsatz

Aurel Stenzel

Wir, der Think Tank Linke Wirtschaftspolitik Berlin, möchten einen Diskurs beginnen. Einen Diskurs darüber, wie Wirtschaft auch gedacht werden kann: kreativ, positiv, gerecht und sozial. In den nächsten Wochen werden wir kurze Artikel zu unterschiedlichen wirtschaftlichen Themen publizieren. Mitte September wird es dann eine ExpertInnenrunde mit anschließender Diskussion geben, zu der alle LeserInnen herzlich eingeladen sind. Weitere Informationen werden schnellstmöglich geteilt.

Warum gehört die Mehrheit deiner Firma InvestorInnen?

Alles beginnt mit einer Idee und einer Vision. Von dieser Idee angetrieben, stecken GründerInnen ihre gesamte Zeit und meist auch ihr gesamtes Kapital in die neugegründete Firma. GründerInnen nehmen ein enormes Risiko auf sich. Ein Risiko, das sich lohnen sollte. Dennoch finden sich viele GründerInnen in der Situation wieder, dass eines Tages ihre Firma mehrheitlich InvestorInnen gehört. Warum dies so ist, soll im Folgenden erläutert werden. Ob das so bleiben muss, würden wir gerne zusammen mit euch diskutieren.

KapitalistInnen und UnternehmerInnen

Schon Joseph Schumpeter wusste zwischen UnternehmerInnen und KapitalistInnen zu unterscheiden. UnternehmerInnen sorgen sich um die Firma, die basierend auf ihrer Vision aufgebaut wurde. KapitalistInnen sorgen sich einzig und allein um die Rendite auf das Investment, das sie in die Firma getätigt haben.

Oft verstehen InvestorInnen das Produkt, in das sie investieren, nicht einmal. Und solange die Rendite stimmt, ist ihnen das auch egal. Warum ist eigentlich jemand UnternehmerIn und jemand InvestorIn? Sind InvestorInnen ehemalige UnternehmerInnen, die materiellen Wohlstand erreicht haben und nun mit ihrem überschüssigen Kapital und ihren Erfahrungen jungen Unternehmen helfen möchten? Manchmal ja.

In der Regel jedoch ist das Geld der InvestorInnen das Kapital von Family Offices und anderen renditesuchenden Institutionen. Sie verwalten das Vermögen einer sehr kleinen Schicht von Super-Reichen, die ihr großes Vermögen von Generation zu Generation, oft zu niedrigsten Steuern, weiter vererbt haben. In der Verfügung und Nicht-Verfügung von Kapital liegt der Unterschied von UnternehmerIn und KapitalistIn, welche meist durch Vererbung und nicht durch Leistungs- und hohe Risikobereitschaft verursacht wurden.

Wofür Kapital benötigt wird und was hohe Eintrittsbarrieren bewirken

Wie viel Kapital zur Unternehmensgründung nötig ist, hängt stark von der Geschäftsidee ab und in welchem Markt sich diese befindet. Die meisten etablierten Märkte, wie zum Beispiel die Auto- oder Lebensmittelindustrie, sind durch sehr hohe Eintrittsbarrieren gesichert. Viele Geschäftsmodelle rechnen sich zum Beispiel nur noch ab einer sehr hohen Umschlagsmenge (Economy of Scale) oder ab einer sehr hohen Anzahl von Usern (Netzwerk Effekt).

Diese Vorteile haben nur die wenigen Oligopol-Unternehmen, die den Markt untereinander aufgeteilt haben und dadurch geringerem Innovationsdruck ausgesetzt sind. Um in einen solchen Markt eindringen zu können, benötigt man große Mengen an Kapital, um die hohen Markteintrittsbarrieren überwinden zu können.

Als Konsequenz sehen wir, dass viele UnternehmerInnen in neueMärkte gedrängt werden. Auch in Berlin, das zu einem Hotspot für europäische Advertising Start Ups geworden ist. Wie Jeffrey Hammerbach einmal sagte: „The best minds of my generation are thinking about how to make people click ads. That sucks.“ Dem ist zuzustimmen, jedoch bleibt den „Best Minds“ oft nichts anderes übrig, da die Markteintrittsbarrieren in vielen Industrien zu hoch sind.

Die wirklichen Probleme unserer Zeit bleiben unverändert bestehen und können nicht durch visionäre UnternehmerInnen angegangen werden. Aber auch in neuen Märkten braucht man Kapital. Software-Businessmodelle zum Beispiel benötigen anfangs eine hohe Investition für Entwicklung und Herstellung bis Jahre später, mit quasi null Grenzkosten, die ersten Profite erzeugt werden können.

Laut einer Studie von Ernst & Young ist die größte Sorge von jungen UnternehmerInnen die Finanzierung ihres Unternehmens. Anfangs wird häufig versucht, durch eigene Mittel und laufenden Cashflow das Unternehmen zu finanzieren. Da Banken lieber in komplizierte Finanzinstrumente investieren, die niemand versteht und staatliche Förderungsmaßnahmen noch nicht ausreichend zur Verfügung stehen, müssen GründerInnen auf InvestorInnen zurückgreifen, wenn sie Startkapital benötigen. Innerhalb der ersten Finanzierungsrunde sichern sich InvestorInnen im Schnitt 20–30% der Firma.

Mit der ersten Finanzierungsrunde ist das Schicksal vieler Firmen bereits besiegelt. InvestorInnen, die in sehr frühen Stadien investieren, wollen eine entsprechende Rendite. Diese Renditen können sich auf das bis zu 20-fache des eingesetzten Kapitals belaufen. Diese Rendite kann nur durch einen Verkauf der Firma erreicht werden, da Dividenden in dieser Größenordnung in so einem kurzen Zeitraum nicht erzielt werden können. Mit der ersten Finanzierungsrunde geben GründerInnen also das Zepter aus der Hand: Die Firma muss innerhalb eines gewissen Zeitrahmens zu einem gewissen Preis verkauft werden.

Um einen hohen Exit-Erlös realisieren zu können, muss extremes Wachstum erzeugt werden, welches weitere Investitionen erfordert. Die hohen Investitionen erfordern schon sehr bald neues Kapital, was eine neue Finanzierungsrunde nach sich zieht. Pro Runde verlieren die GründerInnen weiter Anteile an InvestorInnen, sodass sie am Ende oft weniger als 30% der eigenen Firma besitzen.

Das Risiko von InvestorInnen ist überschaubar

Aber haben InvestorInnen nicht auch ein sehr hohes Risiko und sollten sie dafür nicht entsprechende Renditen erhalten? Zum einen müssen wir dazu nochmal auf die Herkunft des investierten Kapitals zu sprechen kommen. Der Großteil des Venture Capitals ist ein kleiner Bruchteil des Kapitals einer kleinen Schicht, die ihr Vermögen höchst diversifiziert angelegt hat.

Zu einem diversifizierten Portfolio gehören auch riskantere Anlagen mit entsprechend höherer Rendite. Da die Investition durch den Venture Capital Fund dann wieder diversifiziert wird, sprich auf mehrere Investments aufgeteilt wird, ist ein Totalausfall des Gesamtinvestments fast unmöglich. Gerade bei Early Stage InvestorInnen reichen meist ein oder zwei „Home Runs“, um den gesamten Fund zurückzubezahlen.

Zudem stehen den InvestorInnen weitere Instrumente, wie zum Beispiel Liquidation Preferences zur Verfügung, um ihr Investment abzusichern. Das Risiko von InvestorInnen ist also um ein Vielfaches niedriger als das von GründerInnen. Den Großteil der finanziellen Belohnung erhalten jedoch die InvestorInnen. Wenn wir nun noch bedenken, dass das eingesetzte Kapital der InvestorInnen leistungsloses Erbeinkommen ist, dann wird es Zeit, dass wir diese mittlerweile akzeptierten Umstände zu hinterfragen beginnen.

Für eine neue Wirtschaftsordnung

Eine Wirtschaftsordnung, in der jede Person ein Unternehmen gründen kann, wenn sie die richtigen Ideen und Fähigkeiten mitbringt, wird eine bessere Wirtschaft hervorbringen. Dies ist in Deutschland derzeit nicht gegeben. Wie können wir visionären UnternehmerInnen das benötigte Start Kapital für ihr Unternehmen ermöglichen? Benötigen wir private WagniskapitalgeberInnen, die nur auf den Unternehmensverkauf drängen? Hierzu zwei Zahlen, um die Größenordnung besser einschätzen zu können. In den letzten Jahren wurden etwa zwei bis vier Milliarden Euro pro Jahr von WagniskapitalgeberInnen in deutsche Startups investiert. Laut einer aktuellen DIW-Studie werden in den nächsten Jahren 300 bis 400 Milliarden Euro pro Jahr vererbt, der Großteil davon steuerfrei. Eine Abschöpfung von nur einem Prozent davon durch Erbschaftstteuer-Einnahmen würde also schon genügen, um alle Wagniskapitalfinanzierungen abzudecken.

Desweiteren müssen hohe Markteintrittsbarrieren von staatlicher Seite abgebaut werden. In Märkten, die von Oligopolen beherrscht werden, muss wieder ein Wettbewerb geschaffen werden, damit ein Innovationsdrang entstehen kann. Innovationen sind in den großen Wirtschaftsbereichen in den letzten Jahren zu Mangelware geworden, da Großkonzerne, anstatt mit Innovationen, mit Kartellbildung, Preiserhöhungen und Kostensenkungen ihre Gewinne erhöht haben.

Jungen GründerInnen muss die Möglichkeit gegeben werden, in genau diese Märkte eindringen zu können. Die „Greatest Minds“ brauchen eine Möglichkeit, ihre visionäre Energie nicht mehr auf das Klicken von Werbung zu fokussieren.

(AS)

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